Herbstessen des VLSp in der Lübecker Schiffergesellschaft

Paul-Jörg Wildförster, Vorstandsvorsitzender des VLSp, eröffnete den Abend.

Digitalisierung und Industrie 4.0 – für Spediteure ein komplexes Thema

Ist die Digitalisierung der Arbeitswelt für die mittelständischen Dienstleister der Spediteur-Branche Fluch oder Segen? Und inwieweit müssen sich die Betriebe dieser Herausforderung stellen? Bei der Podiumsdiskussion vor dem traditionellen Herbstessen des Vereins der Lübecker Spediteure (VLSp) in der Lübecker Schiffergesellschaft wurden am Freitag, den 27. Oktober 2017 mit rund 80 Gästen nach Antworten auf diese Fragen gesucht. Der VLSp hatte dazu kompetente Teilnehmer auf das Podium gebeten.

Schnell wurde in der von Dr. Hanno Stöcker, Geschäftsführer des Deutsch-Russischen Wirtschaftsbundes, geleiteten Gesprächsrunde deutlich, dass es zu diesem komplexen Thema von digitalen und IT-basierten Anforderungen und Zusammenhängen einerseits und der Umsetzung im Alltag der Spediteure und ihrer Mitarbeiter vor Ort und auf der Straße andererseits keine pauschalen oder gar einfachen Antworten gibt. Vielmehr muss jedes Unternehmen im Bemühen, wachsende Kundenanforderungen zu erfüllen, individuell prüfen, wo digitale Technologien unterstützen und Wettbewerbsvorteile erzielen können, wo sie Basisprozesse unterstützen und speziell in Marktnischen Vorteile kreieren kann.

Dies suggerierte zum Auftakt der Podiumsdiskussion Prof. Dr. Uwe Koch vom Institut für Logistik und Produktion der FH Lübeck. Und Handlungsbedarf ist erkennbar, ist bei den Logistikdienstleistern von 2009 – 2015 doch ein Rückgang an Firmen von acht Prozent zu verzeichnen. Die Digitalisierung biete für die Branche große Möglichkeiten. Die Firmen müssten aber dem zunehmend hohen Tempo der Arbeitsabläufe gerecht werden.

Weniger Transporte durch Digitalisierung

Über die „Digitalen Anforderungen an mittelständische Spediteure aus der Perspektive der verladenden Industrie“ sprach Prof. Dr.-Ing. Jörg Dalhöfer, Chief Operation Officer der Bartec GmbH sowie Honorarprofessor am Fachbereich “Mechanical Engineering and Business Administration” der FH Lübeck. Die Betriebe müssten sich durch zunehmende Anforderungen und engere Zeitabläufe immer mehr auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren. So nehme die Verlagerung von Fertigungs- und Montageaktivitäten in Niedriglohnländer durch die Digitalisierung ab und mit ihr die von den Spediteuren zu leistenden Verkehre zum Transport von Roh-, Halbfertig- und Fertigwaren. Denn Automatisierung und digitale Steuerung werde auch in Hochlohnländern effizient umgesetzt.
 Dalhöfer gab Beispiele für Just-In-Time-Produktionen wie die eines Autozulieferers  mit Zeitfenstern für Kommissionierung und Anlieferung von zum Teil wenigen Stunden oder der Steuerung von Lastzügen – etwa bei medizinischer Ausrüstung für den OP-Saal von einem führenden Medizintechnik Hersteller – mit einem Zeitfenster von nur 20 Minuten. Für den Spediteur ergeben sich hier die Anforderungen, sich nahtlos daten- und IT-seitig mit den Verladern zu verknüpfen und in Echtzeit durch web-basierte Systeme zum Live-Tracking von Lieferungen auskunftsfähig zu sein.

Kunden helfen, ihre Probleme zu lösen

Als COO der Bartec GmbH sagte Dalhöfer: „Verlader wie wir suchen Partner, die voll in unsere Geschäftsprozesse integriert sind und die genau diese Dienstleistungen in der eingehenden und ausgehenden Logistik übernehmen können – also viel mehr als das eigentliche Beladen, Transportieren, Liefern.“ Im nächsten Schritt könne es deshalb für die Spediteur-Branche auch darum gehen, die Wertschöpfungsketten ihrer Kunden zu verstehen, um diese noch mehr logistisch zu unterstützen. Hierzu führte Dalhöfer das Beispiel eines namhaften Werkzeugherstellers an: „Die haben verstanden, dass der Kunde nicht die Bohrmaschine kaufen will, sondern Löcher braucht.“ So kann heute ein Team von Handwerkern gebucht werden, dass diese Dienstleistung vor Ort erledigt - abgerechnet wird nach Anzahl der Löcher.

Partnerschaften dieser Art mit Kunden aufzubauen, biete eine große Chance. Zugleich steigen damit aber die Anforderungen an die Qualifizierung des Personals, wenn bei Verpacken, Kommissionieren und  Transport etwa sicherheits- und medizintechnische Bedingungen, Vorschriften der Gefahrgutabwicklung oder die Einhaltung von Kühlketten zu beachten sind. Im Gegenzug müsse bei solchen integrierten Prozessen kundenseitig unterstützt werden, um etwa Nahtstellen zwischen den IT-Systemen zu ermöglichen. Bereits bei benötigten logistischen Stammdaten sieht Dalhöfer derzeit in der produzierenden Industrie Probleme, da solche Daten nicht erfasst würden.

Zukünftige Arbeitnehmer sind „Digital Natives“

Die Digitalisierung werde, so Dalhöfers Fazit, bei den Partnern der Speditionsbranche weiter zunehmen und auch die Arbeitnehmerschaft werde sich dahingehend verändern. Denn 50 Prozent der Belegschaften werden 2020 so genannte Millenials – also Menschen ab Jahrgang 1980 – sein, die mit Smartphone, Apps, Internet und Cloud aufgewachsen sind, diese Dinge in ihr Privatleben integriert haben und an ihrem Arbeitsplatz eine entsprechende digitalisierte Umgebung erwarten.
Auf die Diskrepanz zwischen Theorie und Realität, „Preis und Qualität“ ging auch Klaus Wessing, Prokurist und Bereichsleiter Logistik der Hamburger Helm AG ein: „Wir hätten gern den Fahrer, der im Reinraum einsetzbar ist, Lieferketten und Incoterms kennt.“ Während man etwa in der Automotive-Branche drei Monate vorher wisse, was gebraucht würde, sei dies in der Chemie-Branche nicht so. Die Digitalisierung werde hier für eine bessere Planbarkeit der Supply Chain und für mehr Flexibilität gebraucht.
 Als Vertreter der Spediteure auf dem Podium wünschte sich Tobias Behncke, Head of Intermodal Services bei der Lübecker European Cargo Logistics GmbH, „Mitdenken 2.0“ und meinte damit eine grundsätzlich bessere Kommunikation, Transparenz und Offenheit. Flexible Arbeitszeitmodelle mit Home Office seien nach Meinung Behnckes da schwierig, wo im operativen Geschäft viel Absprache mit Kollegen gebraucht wird: „Da ist es gut, im Büro zu sein.“

Über Probleme mit Kunden kommunizieren

Aus dem Publikum wurden durch Vertreter verschiedener Firmen die alltäglichen Probleme bestätigt. So müsse oft erst ein genaues Zeitfenster für die Anlieferung durch einen LKW gebucht werden und dann warte der Fahrer stundenlang, bis er entladen könne. Zudem machten die Pausenvorschriften eine flexible Gestaltung seiner Arbeitszeit unmöglich. All dies führe dazu, dass etwa der Fahrer eines Tanklastwagens nur 25 Prozent seiner Arbeitszeit wirklich fahre, so Klaus Wessing. Hier könne digital auch Planbarkeit simuliert werden. Außerdem müsse der Kunde bei der Kommunikation „mit ins Boot geholt werden“. Auch die Frage nach der Sicherheit der Systeme bei Nutzung etwa einer Cloud beziehungsweise im Home Office wurde aufgeworfen. Ein weiteres Problem seien die vielen unterschiedlichen Systeme in den einzelnen Firmen genannt. Zum Teil, so Dr. Hanno Stöcker, werde dies aber auch zum Schutz der eigenen Geschäfte so betrieben.
Als Fazit stand am Ende der Diskussion die Erkenntnis, dass die digitalen Prozesse weiter zunehmen werden und sich letztlich jeder Betrieb in Ausrichtung auf seine Kunden entscheiden muss, inwieweit digitalisierte Abläufe für seine Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit voranzutreiben und zu installieren sind.




Uwe Steimeyer

84 Gäste folgten der Einladung zum Herbstessen des VLSp 2017 in die Schiffergesellschaft Lübeck.
Das Podium (von links): Tobias Behncke, Klaus Wessing, Dr. Hanno Stöcker, Prof. Dr. Jörg Dalhöfer, Prof. Dr. Uwe Koch.
Gespräche zum Thema nach der Podiumsdiskussion...
...und traditionelles Grünkohlessen.