Herbstessen des VLSp am 25. Oktober 2019 in der Schiffergesellschaft zu Lübeck

Der VLSp-Vorsitzende Marco Lütz eröffnete den Abend.

Podium zu Klimawandel und Schwerlastverkehr zeigt Bandbreite der Thematik

Das Herbstessen 2019 des Vereins Lübecker Spediteure in der Schiffergesellschaft zu Lübeck rückte mit der Thematik Klimaschutz mutig das vielleicht brisanteste wirtschaftliche wie gesellschaftliche Thema unserer Zeit in den Fokus. Das fünfköpfige Podium aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu „Umweltentlastung durch alternative Systeme im Güterverkehr – Theorie und Praxis“ skizzierte die Bandbreite und Komplexität der Situation auch dieses Teilaspekts. Aus Sicht der Wirtschaft wurde einmal mehr klar, dass jede (technische) Lösung im Sinne von Klimaschutz und Ressourceneffizienz komplex, aufwändig und (finanziell) nur mit dem Markt und seinen Kunden zu realisieren ist.

Als Notbremse vor dem weltweiten Klimakollaps trat Ende 2016 das Pariser Klimaschutzabkommen in Kraft. Der Aktionsplan von 197 Staaten hat zum Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter 2° C zu begrenzen. 70 Millionen Tonnen CO2 sollen dafür bis 2030 eingespart werden. „Zugleich wird das Güteraufkommen bis dahin aber um 30 Prozent steigen; Wie also soll das erreicht werden?“, fragte der VLSp-Vorsitzende Marco Lütz in seiner Anmoderation. Ist die Schiene die Lösung für den Güterverkehr? Welche Rolle spielen alternative Energien und Antriebe und welche Konzepte gibt es?

Diesen und weiteren Fragen stellten sich die Teilnehmer des Podiums unter Moderation von Dr. Hanno Stöcker. Das waren für die Politik Michelle Akyurt, Fraktionsvorsitzende BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Lübeck, für die Wissenschaft Prof. Dr. Georg Schildbach, Universität zu Lübeck (Institute for Electrical Engineering in Medicine), für den kombinierten Verkehr Schiene/Straße Peter Dannewitz, Kombiverkehr (Deutsche Gesellschaft für kombinierten Güterverkehr mbH) in Frankfurt, für die Spediteure Marc Bode, Spedition Bode in Reinfeld und für den Bereich „Technik und Straße“ Tassilo von Domarus, Volvo Group Trucks Central Europe GmbH in Ismaning.

Im aktuellen Klimaschutzpaket der GroKo – dem Klimaschutzprogramm 2030 - wird von einer „gesamtgesellschaftlichen Kraftanstrengung“ zur Erreichung der gesteckten Ziele gesprochen. Michelle Akyurt verwies auf den Spagat für die Politik zwischen Klimaschutz und der Maßgabe, Maßnahmen nur im gemeinsamen Konsens mit den Bürgern umsetzen zu wollen und zu können, blieb in ihren Ausführungen dabei aber vage. Es gelte, so Akyurt, klare Regeln ohne Verbote zu schaffen.

Politik scheint derzeit ein besonders schweres Handwerk, zwischen Dringlichkeit und Freiwilligkeit, demonstrierenden Schülern und Klimawandelleugnern, die auf den Verlust von Arbeitsplätzen und die Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums verweisen. Jede Maßnahme wie die CO2-Bepreisung oder Auflagen für einzelne Wirtschaftszweige wie den Fahrzeugherstellern, die bis 2025 den CO2-Ausstoß ihrer Modelle um 15 Prozent senken sollen, stoßen auf Zustimmung und Ablehnung zugleich. Klar wurde in der Diskussion, dass Lösungen trotz der gebotenen Eile nur in kleinen Schritten erfolgen. „Es geht um viele kleine Stellschrauben“, so Prof. Dr. Schildbach. Dazu gehöre auch, Verkehre zu vermeiden und vor allem, die bestehenden effizienter zu gestalten.

Ob Brennstoffzelle mit Wasserstoff, kombinierte Dieselhybridantriebe, Gas- oder Elektroantrieb - viele technische Innovationen werden seit Jahren vorangetrieben. Dabei spielen technische Details eine wichtige Rolle, die in der oft emotionalen (öffentlichen) Diskussion nicht beachtet werden. So müssen etwa die großen Tanks mit Flüssiggas für damit betriebene Zugmaschinen so positioniert sein, dass sie im Falle eines Unfalls kein Explosionsrisiko darstellen. Im Bereich der Elektro-Mobilität sieht Tassilo von Domarus bei Reichweiten bis 300 Kilometer ein großes Potenzial für die Elektrifizierung des Schwerlastverkehrs, machte aber generell deutlich: „Wir brauchen höhere Subventionen für die Entwicklung alternativer Antriebe.“ Kostentreiber seien hier vor allem die Batterien. Für lange Transportwege bleibe der Diesel als Antrieb vorerst unverzichtbar.

Zur Entwicklung alternativer Antriebe gehört als ebenso wichtiger Aspekt die Erweiterung und Modernisierung der Infrastruktur – besonders für weitere Kapazitäten im Bereich Deutsche Bahn aber auch im Straßennetz. Peter Dannewitz von Kombiverkehr verwies auf die Angebote seines Unternehmens, das mit einer entsprechenden Infrastruktur bereits heute in der Lage wäre, Transporte klimaneutral durchzuführen. Es fehle aber an Streckenführungen und Verteilerzentren/Terminals.

Das Podium (v.li.): Tassilo von Domarus, Marc Bode, Dr. Hanno Stöcker, Michelle Akyurt, Peter Dannewitz und Prof. Dr. Georg Schildbach.

Beifall bekam Dannewitz für seine Kritik an der Politik in Bezug auf die Deutsche Bahn. Die DB bekomme 160 Millionen Euro vom Bund für Ausbau und Modernisierung der Infrastruktur und gleiche damit Defizite aus, „anstatt Dinge voranzutreiben“. Sonst könnten kombinierte Verkehre schon jetzt zu 80 Prozent klimaneutral laufen. Dannewitz verwies auf die Schweiz und Österreich, wo der Staat im Vergleich zu Deutschland pro Kopf das fünf- beziehungsweise dreifache in die Bahn investiere. Dannewitz: „Die Bahn muss günstiger werden, hier hat das aktuelle Klimapaket nichts Konkretes geschaffen.“

Auf vielversprechende Versuche, Zugmaschinen mit Flüssiggas zu fahren, verwies Marc Bode. Allerdings seien diese Fahrzeuge derzeit 40 Prozent teurer als mit Dieselantrieb. Bode appellierte auch an den Markt und seine Mechanismen: „Der Verbraucher muss umdenken; Transporte sollten vier bis fünf Tage dauern dürfen, dann könnten sie effektiver gestaltet werden.“ Außerdem müsse es vor dem Hintergrund des anhaltenden Mangels an Auszubildenden und Fachkräften in der Branche eine Diskussion darüber geben, „was uns der Transport von Gütern wert ist“.

Zum Thema Effizienz von Schwerlasttransporten verwies Tassilo von Domarus auf die Digitalisierung, die über Flottenmanagementsysteme das Verfolgen (tracken) von Transporten und deren intelligente Bündelung ermöglicht. Leerfahrten können so weitestgehend vermieden und Kapazitäten ausgeschöpft werden. Dazu gebe es bereits Plattformen, über die Spediteure weitere Geschäfte generieren können, um Ladekapazitäten auszunutzen. Auch Fahrertrainings, so von Domarus, seien eine Möglichkeit, um – zum Bespiel topographiebezogen - den Verbrauch von Diesel durch effizientere Fahrweise an Steigungen und Gefällen zu minimieren.

„Auch die DB muss effizienter fahren und Züge bündeln“, ergänzte dazu Peter Dannewitz und erweiterte die Forderung von Marc Bode zu einem Umdenken: „Wir müssen uns überlegen, was uns der Schutz der Umwelt durch alternative Systeme wert ist.“ Generell sei der Transport von Waren viel zu billig. In welchem Zeitmaß Entwicklungen stattfinden, zeigt aktuell die Elektrifizierung der A1 (Stichwort e-Highway) zwischen Lübeck und Reinfeld, neben weiteren Teststrecken in Hessen und Baden-Württemberg eines von bundesweit drei Pilotprojekten. Deren Freigabe wird für Ende 2019 erwartet.

Uwe Steimeyer